Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung in Alsfeld
Ein Überblick über die geschichtliche Entwicklung

Von Regierungsbaurat Dipl.-Ing. Alfred Friedrich
Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Friedberg/Hessen (1959)

In früheren Zeiten, etwa bis Ende des vorigen Jahrhunderts, wurde die Versorgung der Einwohner von Alsfeld mit Trink- und Brauchwasser durch öffentliche Brunnen sichergestellt, deren Zahl 12 bis 15 betragen haben mochte. Es handelte sich um geschachtete, verhältnismäßig flache Brunnen, aus denen mittels handbetriebener Kolbenpumpen das Wasser ans Tageslicht befördert wurde. Der bekannteste dieser Brunnen war der sogenannte Grabbrunnen, der einem heute noch bestehenden Platz der Stadt seinen Namen gegeben hat; andere Brunnen befanden sich beispielsweise in der Unteren Fuldergasse und am Schnepfenhain. Heute ist keine dieser ältesten bekannten Wassergewinnungsanlagen mehr in Betrieb.

Abb. 1: Inzwischen beseitigter Hochbehälter der früheren Hochdruckzone
Schalung des neuen Hochbehälters

Zur Versorgung mit Feuerlöschwasser im Brandfall, aber auch mit Brauchwasser für die mannigfaltigsten Zwecke, stand den Einwohnern der Stadt zusätzlich der Liederbach zur Verfügung. Dieser Bachlauf, dessen ursprüngliche Einmündung in den Krebsbach vermutlich nahe dem Dorf Liederbach lag, soll im Jahr 1350 der Stadt Alsfeld künstlich zugeleitet worden sein. Sein Verlauf war noch bis vor kurzem bis zur Hochstraße – von dort ist er verrohrt und wird unterirdisch weitergeführt – zu verfolgen. Noch im Jahre 1916 wurde mit dem Wasser dieses Baches durch eine Rohrleitung unter der Eisenbahn hindurch das städtische Elektrizitätswerk mit Kühlwasser beliefert, während es heute ausschließlich zur Speisung des Eisteiches der Alsfelder Brauerei Verwendung findet.

Um für Brandfälle einen Vorrat von Löschwasser zur Verfügung zu haben, wurden am Ludwigsplatz und auf dem Gelände der Hochstraße Weiher angelegt. Vom Ludwigsplatz aus floss der Liederbach durch die Obergasse bis zum Schnepfenhain, von dort ab verzweigte er sich über fast sämtliche Straßenzüge der alten Innenstadt. Das Bachbett des Liederbaches diente jedoch nicht allein für die Heranführung von Brauch- und Löschwasser, sondern auch, wie später noch gesagt wird, der Entwässerung. Mit dem fortschreitenden Bau des Kanalnetzes wurde der Bach immer weiter verrohrt, um schließlich ganz aus dem Stadtbild zu verschwinden.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wollte man, wie in vielen anderen Städten, auch in Alsfeld von den Einzelbrunnen zu einer zentralen Versorgung des gesamten Stadtgebietes übergehen. Der erste Entwurf für eine Wasserleitung stammte von Ziv.-Ing. Max Hessemer, Bad Ems, und wurde im Jahr 1891 aufgestellt. Wie auch anderwärts haben sehr lebhafte Meinungskämpfe unter den Bürgern und den Stadtverordneten für und wider den Bau dieser Wasserleitung stattgefunden. Zeugnis hiervon liefert ein noch vorhandener Aufruf an die Bürger der Stadt zu einer Wahl gegen den Bau der Wasserleitung. Der Entwurf des Ingenieurs Hessemer wurde im Jahr 1896 erneut vorgelegt und dann endgültig die Ausführung des Projektes beschlossen. Der Kostenvoranschlag betrug 130.000 Mark; diese Summe wurde jedoch laut Abrechnung aus den Jahren 1897/1898 wesentlich überschritten, so dass das gesamte Wasserleitungsnetz schließlich 172.000 Mark kostete. Die ausführende Baufirma war die Firma Gebr. Becker aus Darmstadt. Damals hatte die Stadt Alsfeld unter ihrem Bürgermeister Arnold rd. 4.300 Einwohner.

Die Gewinnungsanlage des Wassers befand sich in dem von der Stadt aufgekauften Quellgartengelände in der Gemarkung Liederbach, sehr nahe bei der bebauten Ortslage. Dieser Umstand sollte sich später noch unangenehm auswirken. Die Fassungsanlage bestand aus mehreren, durch Sickerleitungen verbundenen Schachtbrunnen. Eine Zuleitung von 150 mm Durchmesser aus gusseisernen Rohren führte bis zum Hochbehälter an der Hochstraße, der ein Fassungsvermögen von etwa 320 cbm hatte. Der Höhenunterschied zwischen dem Wasserspiegel des Sammelbrunnens in Liederbach und der Sohle des Reservoirs betrug rd. 5 m bei 3700 m Entfernung. Infolge dieses verhältnismäßig geringen Gefälles konnte der vorgesehene Wasserstand im Behälter und damit volle Füllung nie erreicht werden. Das verwertbare Fassungsvermögen betrug höchstens 230 bis 250 cbm. Die gesamte Wasserversorgungsanlage war für eine Tagesmaximalleistung von rd. 350 cbm berechnet worden.

Schon bald sah man sich genötigt, eine Verbesserung der vorhandenen Verhältnisse anzustreben. Im Jahre 1905 wurden daher durch die inzwischen ins Leben gerufene Großherzogl. Hess. Kulturinspektion in Gießen, als Vorgängerin des heutigen Wasserwirtschaftsamtes, Untersuchungen über die Wasserversorgung angestellt. Dabei wurde u.a. überlegt, eine mögliche Wassergewinnung aus den Quellen am Merschröder-Teich, in der Gemarkung Brauerschwend oder aus den Eifaquellen sicherzustellen; auch wurde eine künstliche Hebung des Wassers durch Pumpen aus dem vorhandenen Quellgebiet Liederbach ins Auge gefasst. Schließlich fiel die Entscheidung zugunsten eines sehr ergiebigen Quellgebietes in der Gemarkung Ober-Breidenbach.

Im Jahre 1909 wurde dann von der gleichen Wasserwirtschaftsbehörde unter damaliger Leitung von Regierungsbaurat Steinbach ein Entwurf zur Erweiterung der Wasserversorgungsanlage der Stadt Alsfeld aufgestellt. Dieses Projekt sah die Fassung von drei Quellen, den Bau einer 150 mm lichtweiten Zuleitung von 9 km Länge, die Errichtung eines neuen Hochbehälters auf dem Galgenköppel mit 300 cbm Fassungsvermögen und eine gründliche Erweiterung und Verbesserung des Ortsnetzes vor. Wegen der unterschiedlichen Höhenlage der beiden nunmehr vorhandenen Hochbehälter mussten zwei Versorgungszonen, eine Hoch- und eine Niederdruckzone, geschaffen werden. Die Zuleitung von Liederbach zum Galgenköppel wurde für eine Leistung von 8,5 l/s, das entspricht rd. 730 cbm täglich, berechnet. Die gesamte Erweiterung sollte lt. Voranschlag 114.000 Mark kosten, die tatsächliche Bausumme betrug 124.500 Mark. Bei einem angenommenen mittleren Tagesverbrauch von 300 cbm ergab sich ein Selbstkostenpreis von 5,4 Pfennig je Kubikmeter Wasser. Die dringende Notwendigkeit der Erweiterung der damaligen Wasserversorgungsanlage dürfte vor allem auf bauliche Entwicklungen innerhalb des Stadtgebietes und besonders in den höhergelegenen nordwestlichen Randgebieten sowie durch vermehrten Verbrauch an Wasser für Gewerbe und Industrie und die auch inzwischen entstandene Lok-Speisestation am Bahnhof zurückzuführen zu sein. Im Jahre 1910 hatte Alsfeld rd. 5.000 Einwohner, woraus zu ersehen ist, dass sich die Einwohnerzahl selbst gegenüber der ursprünglichen Bauzeit 1896 nicht wesentlich erhöht hatte.

In den folgenden Jahren wurden nur wenige Erneuerungen und Erweiterungen an der Wasserleitung vorgenommen. Zu erwähnen ist lediglich die Neufassung der Zulaufschen Quelle in Ober-Breidenbach im Jahre 1926, die Bohrung des sogenannten Malkmus-Brunnens auf dem Gewinnungsgebiet der Zulaufschen Quelle im Jahre 1936 durch den damaligen Stadtbaumeister Malkmus, sowie der Bau einer Pumpstation, um das Wasser aus den Liederbachquellen in den Behälter der Niederdruckzone heben zu können, da der freie Zulauf aus diesem Gebiet den Bedarf in der Niederdruckzone nicht mehr decken konnte.

Gründliche Überprüfungen und Messungen in den Jahren 1939 und 1945 durch den damaligen Leiter der Außenstelle Alsfeld des Wasserwirtschaftsamtes Gießen, Regierungsbaurat Krause, zeigten, dass die Wasserversorgungsanlage der Stadt bereits wieder wesentliche Mängel aufwies; insbesondere der Wasserdruck war in den hochgelegenen Baugebieten nicht mehr ausreichend, um einen Brandschutz in vollem Maße zu gewährleisten. Ein Großfeuer im Sägewerk Sondermann & Bücking im Jahre 1947 war Veranlassung zu dem Projekt einer Zisterne, die 300 cbm fassen sollte und mit 31.000 RM veranschlagt war, jedoch nicht mehr ausgeführt wurde. 1948 wurde wiederum eine Planung zur Verbesserung der Wasserversorgung durch die Außenstelle des Wasserwirtschaftsamtes durchgeführt, die das Auswechseln der 150er-Rohre der Zuleitung zur Niederdruckzone gegen 300 mm starke Rohre vorsah; Kostenanschlagsumme 300.000 DM. Auch dieses Projekt wurde nicht verwirklicht.

Die Beanstandungen nahmen nunmehr laufend zu; besonders die flach gefassten Quellen in Ober-Breidenbach sowie die fortschreitende Verunreinigung des Wassers aus den Gewinnungsanlagen in Liederbach durch Abwässer der nahe gelegenen Hofreiten bei stärkerer Inanspruchnahme der Pumpenanlage wurde wiederholt durch die Gesundheitsbehörde bemängelt. Somit waren nicht nur Druckverhältnisse und Menge ungenügend, sondern das Wasser stellte vor allen Dingen eine akute Gefahrenquelle infolge hygienisch ungünstiger Beeinflussungen dar.

Nach einem Gutachten des Hessischen Landesamtes für Bodenforschung wurde im Sommer 1955 ein 45 m tiefer Bohrbrunnen in der Gemarkung Liederbach erstellt. Da jedoch auch die gesamten Druckverhältnisse innerhalb des Stadtgebietes

infolge des ständig zunehmenden Wasserverbrauchs untragbar geworden waren – die Einwohnerzahl war mittlerweile auf fast 10.000 angestiegen – und die Garnisonierung einer Bundeswehreinheit zu erwarten stand, beschloss die Stadtverwaltung auf Anraten des Wasserwirtschaftsamtes, ihre Wasserversorgung auf eine völlig neue Grundlage zu stellen und beauftragte den Dipl.-Ing. Niklas, Bad Homburg, generelle Untersuchungen anzustellen und die erforderlichen baureifen Planunterlagen auszuarbeiten. In Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung, Wasserwirtschaftsverwaltung, Landesamt für Bodenforschung und Ing.-Büro Niklas wurden die erforderlichen Berechnungsgrundlagen für das umfangreiche Projekt erarbeitet. Es ergab sich bei Aufstellen der Wasserbilanz, dass die Schüttung des neuen Bohrbrunnens in Liederbach allein noch nicht für eine dauerhafte Vorbesserung der Wasserversorgung ausreichen würde. Daraufhin wurde auf Vorschlag des Landesamtes für Bodenforschung ein zweiter Brunnen von 62 m Tiefe im Quellgebiet Ober-Breidenbach in der Nähe der ehemaligen Zulaufschen Quelle abgeteuft. Diese Bohrung brachte einen überraschenden Erfolg; es wurde artesisches Wasser aufgeschlossen, welches mit einer Schüttung von rund 60 cbm/Std. überlief. Man entschloss sich daher auf Grund des guten Ergebnisses, dieses Wasser in freiem Zulauf ohne Pumpenzwischenschaltung nach Alsfeld zu leiten und hierfür die vorhandene Zuleitung von 150 mm Durchmesser durch eine solche von 300 mm Durchmesser zu ersetzen. Die kleinere Leitung hätte die nunmehr erschlossene Wassermenge nicht mehr fassen können.

Das gesamte Erweiterungsprojekt für die Verbesserung und Neuordnung der Wasserversorgung der Stadt Alsfeld schloss mit einer Kostenanschlagsumme von 2,4 Mill. DM ab. Inzwischen sind die wichtigsten Abschnitte des Projektes mit einem Kostenaufwand von 1,5 Mill. DM fertiggestellt worden. Technische Einzelheiten des Projektes können den Ausführungen des Ing.-Büros Niklas in dieser Schrift entnommen werden.

Heute kann abschließend gesagt werden, dass seit dem Bau der ersten Wasserleitung in Alsfeld rd. 60 Jahre vergangen sind, die eine völlige Neuordnung der Wasserversorgungsanlage erforderlich machten. Die Gründe hierfür sind weniger in technischen Mängeln bei der Projektierung der seinerzeitigen Anlage zu suchen, als in der sprunghaften, fortschrittlichen Entwicklung der Stadt Alsfeld selbst, die sich im Wasserverbrauch ausdrückt, hervorgerufen durch die enorm gestiegene Einwohnerzahl und die ständige Zusiedlung von Industrie-, Gewerbe- und Handwerksbetrieben. Der Wasserverbrauch ist immer ein guter Maßstab für die Struktur einer Stadt sowie den kulturellen Stand ihrer Bevölkerung. Die Lebensdauer der alten Anlagen war mittlerweile auch zu Ende gegangen, so dass eine grundlegende Erneuerung sinnvoll und wirtschaftlich vertretbar war. Unter eine jahrzehntelange Entwicklung und nach verschiedentlichem Schwanken in den Absichten wurde nunmehr der vernünftige, richtige Schlussstrich gezogen. Evtl. Steigerungen des Wasserverbrauchs in Zukunft durch weitere Zunahme der Bevölkerung und Erweiterung der Industrie- und Gewerbebetriebe kann die Wassergewinnungsanlage abfangen. Außerdem ist es möglich, vor allem in dem guten Quellgebiet bei Ober-Breidenbach, noch weiteres Wasser zu erschließen und falls erforderlich, weitere Ortschaften an dieses große Werk anzuschließen.

Abb. 2: Hochbehälter der früheren Niederdruckzone

Die Wasserleitungen einer Stadt sind die Lebensadern, die dieses komplizierte Gemeinwesen mit dem unentbehrlichen Element Wasser versorgen. Die Stadt Alsfeld hat das Problem Wasserversorgung für die kommenden Jahrzehnte, soweit man technisch vorausplanen kann, gut und zweckmäßig gelöst.

Wo Trink- und Brauchwasser fließt, fällt Abwasser an. Unlöslich mit einer zentralen Wasserversorgung verbunden ist daher das Problem der Abwasserbeseitigung und Abwasserbehandlung. Im ersten Teil dieser Abhandlung war der lange Weg geschildert, der von den primitiven Verhältnissen der ältesten Wassergewinnung aus einfachen, abgeschachteten Brunnen bis zur zentralen modernen Wasserversorgung führte. Diese Entwicklung von den Handpumpenbrunnen zum Wasserrohrnetz innerhalb weniger Jahrzehnte war ein gewaltiger Fortschritt.

Noch bemerkenswerter ist die rasche Entwicklung der Stadtentwässerung in Alsfeld, die sich sowohl auf die Abteilung der innerhalb des bebauten Gebietes anfallenden Regenwässer wie auch der anfallenden Schmutzwässer bezieht. Dieses Gebiet des städtischen Tiefbaues fällt weniger ins Auge, ist unpopulärer und deshalb für die meisten Einwohner nicht interessant. Um so bedeutender und einschneidender kann es im Hinblick auf die dringend erforderliche Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und Erhaltung der Volksgesundheit sein. Das Abwasserproblem ist unlösbar verbunden mit der notwendigen Hebung des gesamten Lebensstandards in Bezug auf die Wohnverhältnisse und das Straßen- und Städtebild.

Die Zustände in Alt-Alsfeld vor dem Bau der Kanalisation muss man sich so vorstellen: Das anfallende Regen- oder Schneeschmelzwasser floss aus Dachrinnen und Abflussrohren oder auch direkt von den Dächern herabtropfend in oberirdischen Rinnen und offenen Gräben zum nächsten Vorfluter. Das häusliche Schmutzwasser musste samt den darin enthaltenen Fäkalien in oft innerhalb der Häuser gelegenen geschlossenen Gruben gesammelt und in bestimmten Zeitabständen von privaten Fuhrunternehmern abgefahren werden, wobei es nicht ohne erhebliche Geruchsbelästigungen für die umliegenden Einwohner abging. Eine wesentliche Bedeutung für die Entwässerung der Stadt hatte der Liederbach, dessen Wasser durch künstlich angelegte Rinnen in fast sämtliche Straßen geleitet werden konnte, wobei es oft zur Spülung und Straßenreinigung sowie Fortschwemmung von Schmutz Verwendung fand.

Es ist eine natürliche Folgeerscheinung, dass nach Schaffung einer zentralen Wasserversorgung sehr rasch der Wunsch nach Verbesserung der Entwässerungsverhältnisse laut wird. Der erste Entwurf für eine Gesamtkanalisierung der Stadt stammt aus dem Jahre 1906 und wurde von dem damaligen Regierungsbauführer Häusel in Darmstadt aufgestellt. Dieser Entwurf, mit einem Stempel des Großherzogl. Hess. Techn. Oberprüfungsamtes versehen, war bereits großzügig angelegt und umfasste das ganze damals bewohnte Stadtgebiet einschließlich projektierter Erweiterungen. Systemmäßig war eine Trennkanalisation geplant worden, d.h. ein doppeltes Netz von Rohren, wobei in den einen Leitungen das reine Schmutzwasser aus den Häusern und in den anderen das Regen- und Oberflächenwasser abgeführt werden sollte. Auch ein genauer Plan für eine Kläranlage zur Reinigung der Abwässer unterhalb der Stadt lag vor. Diese Anlage war hinter der sogenannten Steinkaute projektiert, eine Stelle, die noch weiter von der Stadt entfernt lag als die z.Z. im Bau befindliche neue Kläranlage. Vorgesehen war damals ein dreiteiliges rechteckiges Absetzbecken zur mechanischen Klärung, sowie anschließend ein Oxidationsfilter, bestehend aus acht durch Trennwände unterteilte Kammern von etwa 1,20 m Höhe. Zur Ablagerung des Schlammes war ein Lagerplatz ausgewiesen.

Als Variante zu diesem Projekt, aber auch als Ergänzung und zum Wechselgebrauch bestimmt, war die Verrieselung des Abwassers auf landwirtschaftlich genutzte Flächen geplant. Hierzu sollte ein Pumpwerk mit Verteilerbehälter auf Höhe des Rodenbergs angelegt werden, um die unterhalb gelegenen Hänge mit Abwasser berieseln zu können. Das Kanalprojekt des Regierungsbauführers Häusel kam jedoch zunächst im gesamten nicht zur Ausführung.

In einem späteren Kanalentwurf der Großherzogl. Hess. Kulturinspektion Gießen aus dem Jahre 1914 wurden die Kanäle der Innenstadt bereits als vorhandene Mischwasserkanäle angeführt. Der Grund, weshalb man an Stelle der ursprünglich projektierten Doppelkanäle des Trennsystems die wesentlich billigeren Mischwasserkanäle gewählt hatte, dürfte in der Hauptsache in der Kostenfrage zu suchen sein. Auch dieser neue Entwurf sah wieder das für die Abwasserreinigung zweckmäßigere Trennsystem vor, wobei zur Entlastung der Rohrnetze zwei Regenauslässe am Leonhardsturm und an der Hersfelder Straße vorgesehen waren. Soweit man feststellen kann, wurde die Kanalisation in verschiedenen kleineren Bauabschnitten über mehrere Jahre verteilt ausgeführt; den Bau einer Abwasserreinigungsanlage hatte man zunächst zurückgestellt.

Im Jahre 1921 wurde durch die Hess. Kulturinspektion Gießen ein weiterer Teilentwässerungsplan im Trennsystem für die Straßenzüge am Bahnhof, Am Lieden, Altenburger Straße, Tilemann-Schnabel-Straße, Volkmarstraße und Junkergarten aufgestellt. Dieses Projekt wurde lt. Ausführungsplan im Jahre 1923 unter Bauleitung der Hess. Kulturinspektion Gießen ausgeführt. Für die nun folgende weitere bauliche Entwicklung der Stadt, hauptsächlich in den Randgebieten, wie Rambach, Schwabenröder Straße, Marburger Straße, Grünberger Straße und nach dem 2. Weltkrieg am Rodenberg sowie in der Krebsbach, wurden einheitliche Entwässerungsentwürfe zunächst nicht mehr aufgestellt. Die Planung erfolgte im Zuge der jeweiligen Baulanderschließung durch kleinere Teilentwürfe des Stadtbauamtes, wobei wieder aus Sparsamkeitsgründen das Mischsystem, also ein gemeinsamer Kanal für Regen- und Schmutzwasser, Anwendung fand.

Im Jahre 1931 wurde dann endlich nach dem Entwurf der Deutschen Abwasser-Reinigungsgesellschaft mbH, Städtereinigung-OMS, Wiesbaden, die heute noch bestehende alte Kläranlage erbaut. Sie wurde von der Projektfirma betriebs- und schlüsselfertig zu einem Gesamtkostenpreis von 47.950 RM errichtet und bestand aus einem mechanischen Teil, der als sogenannter zweistöckiger Emscher-Brunnen wirkte. In ihrer ersten Ausbaustufe war sie für 7.100 Einwohnergleichwerte berechnet, während in Alsfeld damals etwa 5.000 Personen wohnten. Die bauliche Ausführung der Kläranlage übernahm die Firma Heinrich Reuß, Friedberg.

Die nach dem zweiten Weltkrieg anfänglich nur zögernd einsetzende, später jedoch immer schneller zunehmende bauliche Entwicklung der Stadt veranlasste die verantwortlichen Männer der Verwaltung, im Rahmen der Städteplanung das Entwässerungsproblem genauer zu bearbeiten. Es wurde deshalb im Jahre 1954 auf Betreiben der Außenstelle Alsfeld des Wasserwirtschaftsamtes Friedberg dem Ing.-Büro Porth, Kelsterbach, der Auftrag für die Erstellung eines generellen Entwässerungsplanes erteilt. Dieser Entwurf sollte durch baureife Teilpläne für die in Frage kommenden Neubaugebiete laufend Ergänzung finden. Er wurde im Juli 1955 der Stadt fertig geliefert und nach Prüfung und verschiedenen Ergänzungen durch die Wasserwirtschaftsbehörde vom Regierungspräsidenten in Darmstadt endgültig genehmigt. Der Entwurf umfasst das im General-Entwässerungsplan vorgesehene gesamte Bebauungsgebiet, wobei mit einer zukünftigen Einwohnerzahl von 13.000 gerechnet wurde. Die vorhandenen Industrie- und Gewerbebetriebe, die industrielles Abwasser liefern, wie die Hutfabrik Rockel, die Brauerei und die Molkerei, sind darin berücksichtigt. Bei Aufstellung des Entwurfes war noch nicht bekannt, dass eine Einheit des Bundesgrenzschutzes nach Alsfeld kommen sollte. Das hierfür in Anspruch genommene Kasernengelände oberhalb der Hochstraße, auf dem bereits kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges mit dem Bau von Unterkünften begonnen worden war, wurde jedoch generell in die Planung einbezogen. Mit dem Näherrücken des Kasernen-Bauvorhabens musste auch ein neuer Hauptsammler baureif projektiert werden, da eine Ableitung der großen aus diesem Gelände anfallenden Abwassermengen durch die vorhandenen Kanäle nicht mehr möglich war; das Fassungsvermögen des bestehenden Kanalnetzes war ausgelastet. Zur Projektierung dieses neuen Hauptsammlers, also einer neuen großen Kanalleitung durch die gesamte Stadt, wurde das Ing.-Büro Niklas, Bad Homburg, herangezogen. Auch das längst fällig gewordene Problem der Erweiterung der vorhandenen Kläranlage wurde nunmehr aufgegriffen und einer Lösung zugeführt. Die gleiche Firma, OMS, Wiesbaden, die die seinerzeitige alte Kläranlage konstruiert hatte, hat auch die Projektierung der neuen vollbiologischen Kläranlage übernommen.

Bereits bei der Planung des Hauptsammlers wurde man sich darüber klar, dass die alte Kläranlage zu nahe dem inzwischen weit ausgedehnten Stadtgebiet am Rodenberg liegt, und man entschloss sich, die neue Kläranlage etwa 500 m unterhalb der jetzigen, schwalmabwärts zu errichten. Der Bau des Hauptsammlers ist inzwischen bis auf geringe Restarbeiten mit einem Kostenaufwand von rd. 850.000 DM zu Ende gebracht worden. Mit dem Bau der Kläranlage ist begonnen. Die voraussichtlichen Kosten des Klärwerks sind mit 1,3 Mill. DM geschätzt. Der Entwurf sieht auf Grund der neuesten Erkenntnisse der Technik und der Erfordernisse einer Reinhaltung unserer Gewässer einen mechanischen und einen biologischen Teil der Abwasserbehandlung vor. In Alsfeld fällt besonders schwieriges Abwasser an, welches von der Molkerei, der Hutfabrik Rockel und der Brauerei in seiner Zusammensetzung wesentlich beeinflusst ist.

Technische Einzelheiten bezüglich des neuen Hauptsammlers und der Konstruktion der Kläranlage sind an anderer Stelle dieser Schrift von den Projektbearbeitern erläutert.

Wenn auch noch manche Ergänzungen und Erweiterungen am städtischen Kanalnetz notwendig sind, bis in Alsfeld der letzte Tropfen Abwasser zur Kläranlage und durch diese gereinigt der Schwalm zufließt, wobei vor allem der Bau des 2. Hauptsammlers im südöstlichen Stadtteil nicht vergessen werden darf, so kann die Stadt doch schon heute stolz auf das Erreichte sein. Durch ihre bisher geleistete Arbeit an Kanalnetz und Kläranlage ist Alsfeld mit in die Reihe der Städte und Gemeinden gerückt, die durch ihre fortschrittlichen Bauten auf dem Gebiet des städtischen Tiefbaus wesentlich zur Reinhaltung unserer Gewässer und damit zur indirekten Förderung der Volksgesundheit beitragen.

Die Neuordnung einer zentralen Wasserversorgung durchzuführen, ist nicht einfach und immer mit gewissen Widerständen verbunden. Weit schwieriger jedoch ist es, eine einwandfreie Kanalisation und insbesondere eine einwandfreie Klärung der Abwässer unterhalb der Stadt zu erreichen. Die Stadt Alsfeld hat auf beiden Gebieten Vorbildliches geleistet, was der Unterstreichung wert ist. In dieser Stadt wurden die beiden wasserwirtschaftlichen Probleme – Versorgung der Bevölkerung mit Trink- und Brauchwasser und Ableitung der verunreinigten Abwässer ohne gefährdende Belastung des Vorfluters – mutig und entschlossen angepackt und wirtschaftlich sowie technisch richtig gelöst. Es ist zu wünschen, dass möglichst bald viele andere Städte und Gemeinden diesem großartigen Beispiel folgen werden.

Erstveröffentlichung:

Alfred Friedrich, Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung in Alsfeld – ein Überblick über die geschichtliche Entwicklung, in: Magistrat der Stadt Alsfeld (Hrsg.): Festschrift: 10 Jahre Aufbauarbeit der Stadt Alsfeld, Alsfeld 1959, S. 35-44.

[Stand: 04.06.2024]