Die „Alsfelder Erlen“
Ein Unwetter schuf 1749 die Grundlage für einen „Erholungspark“

Von Michael Rudolf, Alsfeld (23.07.2014)

„Doch furchtbar wird die Himmelskraft, wenn sie der Fessel sich entrafft …“, so Friedrich Schiller in seinem ‚‚Lied von der Glocke“, der die fatale Kraft der Natur in jene Verse zu schmieden weiß, welcher die gestalterische Bildbarkeit der Erde im negativen wie im positiven Sinne obliegt. Im Alsfelder Stadtarchiv hat sich ein Dokument erhalten, das uns über das Jahr 1749 informiert, in welchem sich ein heftiges Unwetter ereignete, das sich den Weg über den Vogelsberg bis nach Alsfeld bahnte und danach die „Schwalm“ abwärts zog. Heftiger Hagelschlag, Regen und Sturm richteten dabei vor 265 Jahren große Verwüstungen an.

Postkarte „Die Erlen“: Sammlung Andreas Lenth

Hochwasser zu Pfingsten

In diesem Dokument an die landgräfliche Kanzlei heißt es: „Durch einen am nächstverflossenen zweiten Pfingsttag (26. Mai) gefallenen sehr starken Regen und darmit vermischte Kisseln (Hagel) ist das Wasser in hiesiger Gegend sehr hoch angelaufen und hat in denen Feldern vielen Schaden getan. Besonders aber hat solches Gewässer in der Gemeinde Altenburg zwei kleine Wohnhäuser, eine alte Frau und zwei kleine Kinder, und in der Gemeinde Brauerschwend aber zwei Scheunen und eine Schlagmühle weggeschwemmt und auch noch an verschiedenen Gebäuden großen Schaden verursachet und vieles fast völlig ruinieret.“ Aus diesem Schreiben, das in Alsfeld am 30. Mai 1749 angefertigt wurde, ist ersichtlich, dass das „eine Kind unweit von Altenburg, die Frau aber bei Eudorf gefunden“ wurde, wobei das zweite Kind bei Abfassung des Berichtes noch vermisst worden war. Die Wiesen seien mit „Kot und verschiedenen Steinen“ derart überschüttet worden, dass „von jenen in diesem Jahr wenig, von diesen aber in verschiedenen Jahren keinen Nutzen zu ziehen sein“ werde, so der Skribent. Dieser beklagt des Weiteren, dass das „nahe gelegene Ackerfeld zum Teil überschwemmt, zum Teil aber die Erde hin und wieder weggeführet und an vielen Orten Löcher in die Felder gerissen“ worden seien. In der Eudorfer und Brauerschwender Gemarkung sei „das auf dem Felde stehende Korn zerschlagen“, wobei etwa ein Drittel beziehungsweise ein Viertel davon genauso ‚„ruinieret“ sei wie die Obsternte mancherorts (Vgl. StA. Alsfeld, Statistik / Ortsbeschreibung II/1).

Aus dem Stadtarchiv: Eine Zeichnung von Karl Dieffenbach von 1806,
der den Grundstein zum Erholungspark legte.

Für einen Lusthain

Fast sechzig Jahre lag das durch das Unwetter umgebildete Gelände der ‚„Alsfelder Erlen“, wie es die von Stadtsyndikus Karl Dieffenbach um 1806 angefertigte Zeichnung zeigt, brach, bis dieser die Idee hervorbrachte, der bildenden Hand der Natur eine weitere Nuance hinzuzufügen und auf diesem Gelände einen ‚„Lusthain“, also einen „Erholungspark“, zu etablieren, der den naturbelassenen und urwüchsigen englischen Landschaftsgärten nachgebildet wurde.

Eine Besichtigung des einstigen Geländes an der „Schwalm“ durch den Gemeinderat 1806, das nicht nur durch Veranstaltungen, durch ausgiebige Spaziergänge und beispielsweise durch das „Erlensingen“ bekannt ist, ließ die „Erlen“ in der Nähe des vor achtzig Jahren erbauten Schwimmbades entstehen. Karl Dieffenbach (1763-1822), letzter studierter Stadtschreiber, Herausgeber des Oberhessischen Intelligenzblattes 1810 bis 1822 und Verfasser einer Stadtgeschichte 1817, dem eingedenk seiner schöpferischen Leistung ein Straßenzug im Bereich der Erlen gewidmet wurde, ist der geistige Vater des Alsfelder Erlenparks. Karl Dotter (1878-1940) legte 1939 in den Mitteilungen des Geschichts- und Altertumsvereins (7. Reihe, 1939, Nr. 18) eine ausführliche, äußerst fundierte und gewissenhafte Arbeit über Dieffenbach und die Entstehung der „Erlen“ vor, die zum Lesen empfohlen wird. Autoren der beiden vorangegangenen Jahrhunderte haben es nicht versäumt, die „Alsfelder Erlen“, die nach der großen Flut von 1749 so entstanden sind, wie wir sie fast noch heute sehen, und sich 1806 sowie in den Folgejahren allmählich zu einem „Lusthain“ mit Pavillon entwickelten, in unterschiedlichen Postkarten-Motiven den Generationen vor Augen zu führen und sie damit in ihrer zeittypischen Prägung sichtbar zu machen, wie es die Postkarte aus der Sammlung von Andreas Lenth mit der „Schwalmbrücke“ als eine von vielen Beispielen zeigt.

Erstveröffentlichung:

Michael Rudolf, Die Alsfelder Erlen. Ein Unwetter schuf 1749 die Grundlage für einen „Erholungspark“, in: OZ-Extra, 23.07.2014.

Die Veröffentlichung der Texte des Autors im Rahmen des Internetprojekts
www.Geschichtsforum-Alsfeld.de wurde von ihm genehmigt.

[Stand: 09.05.2024]